Die Postkarte über meinem Schreibtisch
Über ein Jahr lang hing eine Postkarte über meinem Schreibtisch. Darauf zu sehen war ein dunkler Felsen über dem Rhein, irgendwo nahe der Loreley. Eine Person stand oben auf dem Felsen, die Arme ausgebreitet, unter ihr das Mittelrheintal. Ich habe dieses Bild oft angesehen, manchmal bewusst, oft einfach nebenbei während der Arbeit.
Damals war mein Leben an vielen Stellen noch festgefahren. Beruflich steckte ich noch mitten in meinem alten Arbeitsalltag, obwohl ich innerlich längst gespürt habe, dass ich mich verändern möchte. Beziehungstechnisch war vieles chaotisch und emotional anstrengend. Ich hatte häufig das Gefühl, gedanklich schon weiter zu sein als mein tatsächliches Leben.
Und währenddessen hing diese Karte dort.
Vielleicht, weil sie etwas in mir ausgelöst hat, das ich damals noch gar nicht richtig greifen konnte. Es ging nicht nur um diesen Ort. Dieses Bild stand für Freiheit, Bewegung, Weite und für die Vorstellung, dass mein Leben sich irgendwann anders anfühlen könnte als in diesem Moment.
Heute stand ich auf genau diesem Felsen.
Am Spitznack nahe der Loreley.
Und während ich dort oben stand, wurde mir klar, dass diese Sehnsucht schon viel länger wusste, wonach sie eigentlich sucht als mein bewusster Verstand.
Wenn Fantasie zu einem Wartezimmer wird
Rückblickend merke ich, wie viel meines Lebens lange vor allem in Gedanken stattgefunden hat. Ich habe reflektiert, analysiert, geplant und innerlich vorbereitet. Das hatte auch etwas Sicheres.
Solange etwas nur Fantasie bleibt, muss man sich nicht wirklich bewegen. Man muss nichts riskieren, keine Unsicherheit aushalten, keine Entscheidungen treffen. Man kann sich nach einem anderen Leben sehnen, ohne das eigene tatsächlich zu verändern.
Und irgendwann beginnt die Vorstellung von Veränderung sich bereits nach Bewegung anzufühlen.
Man denkt über Möglichkeiten nach, stellt sich andere Wege vor und spürt, dass da noch mehr sein könnte. Gleichzeitig bleibt das tatsächliche Leben oft erstaunlich gleich.
Denn zwischen einer vorgestellten Bewegung und einer tatsächlichen Bewegung liegt etwas Entscheidendes:
Realität.
In der Realität geht es plötzlich nicht mehr nur um Sehnsucht oder Gedankenexperimente. Dann tauchen Fragen auf, die sich nicht mehr elegant offenhalten lassen. Was passiert, wenn ich etwas wirklich verändere? Was verliere ich dabei? Was gerät in Bewegung, wenn ich ehrlich mit mir selbst werde?
Vor einem Jahr hätte ich vermutlich selbst gesagt: „Ja, theoretisch kann ich mein Leben bewegen. Aber dafür müsste erst etwas Bestimmtes passieren, auf dass ich keinen Einfluss habe.“ Vielleicht hätte ich geglaubt, dass ich dafür einen bestimmten Menschen brauche, eine bestimmte Situation oder genau die eine Möglichkeit, die ich gerade vor Augen habe.
Der Zustand, nach dem wir uns sehnen, ist oft auf viel mehr Wegen erreichbar, als wir zunächst denken. Unser Blick ist manchmal einfach zu eng geworden. Wir fixieren uns so stark auf eine einzige Vorstellung, dass wir gar nicht mehr sehen, welche anderen Türen vielleicht längst offenstehen.
Manchmal bleibt man deshalb länger bewegungslos in der Vorstellung eines anderen Lebens hängen, als man eigentlich möchte. Die innere Bewegung fühlt sich bereits bedeutsam an, obwohl im Außen kaum etwas passiert.
Irgendwann wird Fantasie dadurch zu einem Wartezimmer. Es ist warm, man sitzt im Trockenen, aber weiter geht trotzdem nichts.
Vielleicht beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem man merkt: Ich kann mein Leben tatsächlich bewegen.
Dieser Gedanke hat mich heute auf diesem Felsen plötzlich mit voller Wucht getroffen.
Dort oben war nichts theoretisch
Als ich auf dem Spitznack stand, war da zuerst dieses beeindruckende Gefühl von Weite. Der Rhein unter mir, die Felsen, die Tiefe des Tals. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie mein Körper sofort wach wurde. Mir war leicht schwindelig. Nicht dramatisch, aber deutlich genug, dass ich gemerkt habe, wie hoch und steil dieser Ort tatsächlich ist.
Ich stand dort oben und hatte gleichzeitig dieses Gefühl von Freiheit und diesen kleinen Reflex im Körper, vorsichtig zu sein.
Genau das hat diesen Moment so intensiv gemacht.
Ich glaube, weil dort oben plötzlich nichts mehr theoretisch war. Ich konnte diesen Augenblick nicht zerdenken oder kontrollieren. Der Schwindel war real. Die Höhe war real. Die Unsicherheit war real. Und genau deshalb fühlte ich mich so lebendig.
Vielleicht entsteht dieses tiefe Gefühl von Freiheit, nach dem so viele Menschen suchen nicht aus völliger Sicherheit, sondern aus Präsenz. Aus dem Moment, in dem Körper und Geist gleichzeitig verstehen: Das, was ich mir vorgestellt habe passiert gerade wirklich.
Der Unterschied zwischen Sehnsucht und Erfahrung
Die Postkarte hing ein Jahr lang über meinem Schreibtisch. Lange war dieser Ort für mich vor allem ein Bild. Verbunden mit Freiheit, Weite und der Vorstellung, dass sich mein Leben irgendwann anders anfühlen könnte.
Heute gibt es ein Foto von mir auf genau diesem Felsen.
Zwischen einer Sehnsucht und einer Erfahrung verändert sich mehr als nur die Realität im Außen. Der eigene Körper beginnt plötzlich zu begreifen, dass etwas tatsächlich möglich ist.
Der Ort auf der Postkarte war lange eine Idee. Heute ist er eine Erinnerung.
Das fühlt sich überraschend anders an – Echt. Berührend. Selbstwirksam.
Neue Perspektiven entstehen selten nur im Kopf
Wirkliche Bewegung beginnt oft in dem Moment, in dem sich der eigene Blick verändert. Wenn plötzlich wieder Möglichkeiten sichtbar werden, die vorher außerhalb des eigenen inneren Radius lagen.
Genau deshalb arbeite ich so gerne mit körperorientierten Methoden wie Breathwork und bewusstseinsverändernden Zuständen im sicheren Rahmen. In intensiven Atemsessions, aber auch in der Arbeit mit Microdosing, erleben viele Menschen einen Perspektivwechsel, der rein über Nachdenken oft kaum erreichbar ist.
Der Kopf hört für einen Moment auf, immer dieselben Schleifen zu drehen. Der Körper wird spürbarer. Gefühle, Bedürfnisse und innere Bewegungen tauchen klarer auf. Und manchmal entsteht dadurch plötzlich Raum für eine Erkenntnis, die eigentlich ganz simpel ist:
Vielleicht gibt es mehr Möglichkeiten, als ich gerade sehen kann.
Vielleicht muss mein Leben nicht exakt so bleiben, wie es gerade ist.
Vielleicht kann ich mich tatsächlich bewegen.
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