Ich mag intensive Erfahrungen. Beim Breathwork genauso wie in vielen anderen Bereichen meines Lebens. Ich will spüren, dass etwas passiert. Ich möchte meine Grenzen kennenlernen, mich herausfordern und entdecken, was hinter dem liegt, was ich bereits kenne.
Das kann sehr kraftvoll sein. Es birgt allerdings auch eine Falle: Intensität fühlt sich schnell nach Fortschritt an.
Je anstrengender eine Atemübung ist, je stärker die körperlichen Empfindungen werden und je außergewöhnlicher die Erfahrung erscheint, desto wirksamer muss sie doch sein. Oder?
Aber diese Gleichung geht nicht auf.
Wenn die Atemroutine zur täglichen Herausforderung wird
Seit einigen Wochen beschäftige ich mich intensiver mit der Wim-Hof-Methode um mir eine fundierte Meinung dazu zu bilden.
Die Atemübungen bestehen aus mehreren Runden tiefer, kräftiger Atemzüge mit anschließenden Atempausen.
Ich finde diese Form der Atemarbeit grundsätzlich spannend. Sie verändert den körperlichen Zustand deutlich und kann eine starke Erfahrung auslösen. Gleichzeitig merke ich: Für meinen Alltag sind mir die Übungen zu lang, zu anstrengend und zu intensiv.
Wenn ich morgens schon weiß, dass mehrere Runden mit jeweils etwa 30-60 kräftigen Atemzügen vor mir liegen, entsteht bei mir wenig Lust, diese Routine tatsächlich täglich zu machen. Die Übung verlangt einiges an Zeit, Energie und Überwindung. An manchen Tagen passt das gut. An anderen fühlt sie sich wie eine weitere Aufgabe an, die ich bewältigen muss.
Und genau da wird es interessant.
Eine Atemroutine kann theoretisch noch so wirksam sein. Wenn ich sie im Alltag kaum anwende, verändert sie wenig. Eine kürzere Übung, die zu meinem aktuellen Zustand passt und die ich regelmäßig mache, kann langfristig wesentlich mehr bewegen.
Wirksamkeit entsteht nicht allein durch die Intensität einer einzelnen Erfahrung. Sie entsteht auch durch Wiederholung, Passung und die Bereitschaft, tatsächlich dranzubleiben.
Was brauche ich heute?
Atemarbeit beginnt für mich zunehmend mit einer anderen Frage:
Was braucht mein System heute?
Manchmal brauche ich Aktivierung. Dann kann eine intensive Atemübung genau richtig sein. Sie bringt Energie, fordert mich körperlich und verändert meinen Zustand innerhalb kurzer Zeit.
An einem anderen Tag bin ich bereits angespannt, erschöpft oder innerlich überladen. Eine weitere starke Aktivierung bringt mich dann möglicherweise noch weiter weg von dem Zustand, den ich eigentlich suche.
Vielleicht helfen mir an diesem Tag fünf Minuten mit einer verlängerten Ausatmung. Vielleicht brauche ich einen ruhigen Atemrhythmus, Summen oder eine Übung, bei der ich meinen Atem lediglich wahrnehme. Vielleicht brauche ich Bewegung, ein entlastendes Gespräch und überhaupt keine feste Atemtechnik.
Eine gute Atemroutine muss nicht jeden Tag gleich aussehen. Für mich liegt ihre Qualität zunehmend darin, meinen Zustand wahrzunehmen und darauf angemessen zu reagieren.
Das verlangt mehr Körperkontakt als das konsequente Abarbeiten eines Programms. Ich muss spüren lernen:
- Wie hoch ist mein inneres Aktivierungsniveau?
- Habe ich gerade viel oder wenig Energie?
- Brauche ich Fokus, Beruhigung oder Belebung?
- Wie viel Kapazität habe ich heute?
- Was fühlt sich nach einer sinnvollen Herausforderung an?
- An welchem Punkt beginne ich, mich selbst zu übergehen?
Atemarbeit wird dadurch weniger zur Disziplinübung und mehr zu einem echten Dialog mit dem eigenen Körper.
Mehr Intensität bedeutet nicht automatisch mehr Regulation
Eine intensive Atemtechnik erzeugt häufig starke Körperempfindungen. Kribbeln, Wärme, Druck, Muskelanspannung, emotionale Bewegung oder veränderte Wahrnehmungszustände können sehr eindrucksvoll sein.
Diese Reaktionen zeigen zunächst, dass sich der Zustand des Körpers verändert. Sie sagen noch nicht automatisch, wie hilfreich diese Veränderung für mich gerade ist.
Wenn mein Nervensystem im Alltag ohnehin viel leisten muss, kann eine starke Atemaktivierung zusätzlichen Stress erzeugen. Das kann als bewusst gesetzter Reiz sinnvoll sein. Es braucht dafür jedoch genügend Kapazität und anschließend Zeit, um die Erfahrung zu verarbeiten.
Regulation bedeutet deshalb nicht, möglichst wenig Aktivierung zu erleben. Ein reguliertes Nervensystem kann sich aktivieren und wieder zurückfinden. Es kann Spannung aushalten, sich bewegen und flexibel auf unterschiedliche Situationen reagieren.
Dafür brauche ich verschiedene Wege. Mal führt der Weg über eine kraftvolle Erfahrung. Mal über kleine, gut dosierte Impulse.
Auch Deep Breathwork braucht unterschiedliche Wege
Diese Erkenntnis betrifft nicht nur Functional Breathwork und die tägliche Atemroutine. Sie verändert auch den Blick auf Deep Breathwork.
Im Deep Breathwork arbeiten wir mit dem Atem über einen längeren Zeitraum. Dadurch können intensive körperliche, emotionale und innere Prozesse entstehen. Doch auch hier bedeutet eine möglichst starke Erfahrung durch immer intensivere Atemtechnik nicht automatisch, dass diese Sessions am meisten bewirken.
Wenn ich immer mit derselben Atemweise arbeite, bediene ich möglicherweise auch immer wieder ähnliche Muster.
Ein Mensch, der gewohnt ist, sich durch Anstrengung, Kontrolle und Leistung voranzutreiben, kann dieses Muster auch in eine Breathwork-Session mitbringen. Dann wird kräftiger geatmet, durchgehalten und auf einen Durchbruch hingearbeitet. Die Session fühlt sich intensiv an. Gleichzeitig bleibt die Person in einer Strategie, die sie aus ihrem Alltag bereits sehr gut kennt und vermeidet die Erfahrung mal einen anderen, sanfteren, vielleicht leiseren Weg zu gehen.
In diesem Fall kann ein anderer Zugang viel tiefer führen.
Was geschieht, wenn der Atem weniger forciert wird? Was taucht auf, wenn es nichts zu erreichen gibt? Kann ich wahrnehmen, wann mein Körper mehr Intensität möchte und wann er eine Pause braucht? Kann ich zwischen Aktivierung und Entlastung wechseln, ohne eine Richtung erzwingen zu müssen?
Gerade diese Wechsel können neue Erfahrungen ermöglichen.
Pendulation: zwischen Intensität und Entlastung wechseln
Ein Ansatz, den ich dabei besonders sinnvoll finde, ist Pendulation.
Pendulation bedeutet, die Aufmerksamkeit zwischen unterschiedlichen Empfindungen oder Zuständen hin- und herzubewegen. Ich nehme zum Beispiel eine Stelle wahr, an der Spannung spürbar ist. Anschließend richte ich meine Aufmerksamkeit auf einen Körperbereich, der sich neutral, stabil oder angenehm anfühlt. Dann kann ich mich der Spannung wieder annähern.
Ähnlich lässt sich auch mit der Intensität des Atems arbeiten. Phasen mit mehr Aktivierung können sich mit ruhigeren Atemphasen abwechseln. Der Prozess muss sich nicht immer weiter steigern. Er darf sich wellenförmig bewegen.
Dadurch erlebt der Körper beides: Kontakt mit dem, was herausfordernd ist, und die Möglichkeit, wieder Entlastung zu finden.
Für Menschen, die sich schnell überfordern, kann das einen wichtigen Unterschied machen. Auch Menschen, die Intensität gewohnt sind und sich über Leistung organisieren, bekommen dadurch die Chance, ein neues Muster zu erfahren.
Die tiefere Erfahrung kann dann genau darin liegen, weniger zu tun.
Eine starke Erfahrung ist noch keine nachhaltige Veränderung
Ich glaube, wir verwechseln im Breathwork manchmal Wirkung mit Eindruck.
Eine außergewöhnliche Session bleibt im Gedächtnis. Vielleicht entstehen starke Emotionen, Bilder oder körperliche Reaktionen. Das kann wertvoll sein und einen Prozess in Bewegung bringen.
Nachhaltige Veränderung zeigt sich jedoch häufig viel unspektakulärer:
Ich bemerke früher, dass ich angespannt bin.
Ich kann eine Grenze wahrnehmen, bevor ich sie überschreite.
Ich brauche weniger Zeit, um mich nach einer Belastung wieder zu stabilisieren.
Ich kann bei einer unangenehmen Empfindung bleiben, ohne sofort reagieren zu müssen.
Ich treffe im Alltag eine andere Entscheidung als bisher.
Diese Veränderungen wirken von außen klein. Für das eigene Leben können sie enorm sein.
Eine intensive Breathwork-Erfahrung kann solche Entwicklungen unterstützen. Die eigentliche Integration geschieht anschließend: im Körper, in Beziehungen und in den vielen kleinen Situationen des Alltags.
Die passende Dosis kann sich verändern
Was mir heute guttut, muss nicht dauerhaft die richtige Antwort bleiben.
Es gibt Phasen, in denen ich viel Kapazität für intensive Prozesse habe. Dann möchte ich mich herausfordern und tiefer gehen. In anderen Phasen ist mein Leben bereits intensiv genug. Dann brauche ich eine Atemarbeit, die mich unterstützt, ohne eine weitere Belastungsprobe daraus zu machen.
Das ist keine mangelnde Disziplin. Es ist ein Zeichen dafür, dass ich genauer wahrnehme.
Auch meine aktuelle Erfahrung mit den Wim-Hof-Übungen bedeutet nicht, dass diese Form der Atemarbeit grundsätzlich ungeeignet für mich ist. Im Moment passt die vorgesehene Länge und Intensität nur nicht gut in meinen Alltag. Also darf ich prüfen, was ich davon nutzen möchte, wie ich es dosiere und welche anderen Atemformen mich aktuell besser unterstützen.
Eine Methode muss nicht vollständig übernommen werden, damit ich etwas aus ihr lernen kann.
Atemarbeit braucht Auswahl statt Dogma
Functional Breathwork und Deep Breathwork bieten unterschiedliche Möglichkeiten, mit dem Atem zu arbeiten.
Functional Breathwork eignet sich besonders für den Alltag. Kurze, gezielte Übungen können den aktuellen Zustand beeinflussen und mit der Zeit neue Routinen etablieren.
Deep Breathwork eröffnet längere Erfahrungsräume. Es kann tiefe emotionale und körperliche Prozesse anstoßen. Dabei stehen unterschiedliche Atemstile zur Verfügung: aktivierend, rhythmisch, verbunden, ruhiger oder mit einem bewussten Wechsel zwischen Intensität und Entlastung.
Für mich liegt die Qualität der Begleitung zunehmend darin, diese Möglichkeiten nicht nach dem Prinzip „mehr ist besser“ einzusetzen. Entscheidend ist, welcher Zugang zu diesem Menschen, zu diesem Moment und zu diesem Prozess passt.
Manchmal braucht es Kraft.
Manchmal braucht es Zeit.
Manchmal braucht es eine Welle, die groß genug ist, um etwas in Bewegung zu bringen.
Und manchmal entsteht die eigentliche Veränderung in dem Moment, in dem wir aufhören, immer noch weitergehen zu wollen.
Intensität kann wirksam sein. Dosierung, Vielfalt und ein genauer Kontakt zum eigenen Körper entscheiden darüber, was daraus entsteht.
Wenn Du dir Orientierung für deinen Atem-Weg wünschst schau dir Breath Reset an. Über 4 Wochen entwickeln wir deinen individuellen Weg, wie Du mit deinem Atem dein Nervensystem regulieren und dein Leben positiv beeinflussen kannst. → Breath Reset
INFOTERMIN
Du interessierst dich fürs Functional oder Deep Breathwork 1:1? Möchtest nach deiner Breathwork Erfahrung weiter gehen? Oder hast ein Angebot entdeckt, das dich anspricht – und willst wissen, ob es wirklich zu dir passt?
Im Infotermin schauen wir gemeinsam, was du brauchst und wie ich dich begleiten kann.
Buche einfach deinen Termin über den Kalender.
