Manchmal merkt man erst in dem Moment, in dem man loslassen darf, wie viel man vorher zusammengehalten hat.
Am vergangenen Samstag war ich bei einer Breathwork-Veranstaltung in Frankfurt und ich möchte dir in diesem Artikel erzählen, wie so eine Erfahrung sich anfühlen kann – ganz frisch.
Ich bin ohne eine konkrete Absicht in diese Session gegangen. Ich wollte kein bestimmtes Thema bearbeiten, keine Antwort finden und auch nichts bestimmtes lösen. Ich war neugierig darauf, was sich zeigen würde.
Gleichzeitig wusste ich, dass die vergangenen Wochen nicht spurlos an mir vorbeigegangen waren.
Aktuell erlebe ich eine intensive Zeit. Es stehen viele Aufgaben an, die Konzentration, Klarheit und eine gewisse innere Festigkeit von mir verlangen. Meine → tägliche Atempraxis hilft mir sehr dabei, ruhig zu bleiben, mich zu sammeln und meinen Zustand im Alltag immer wieder zu regulieren. Ich komme deutlich besser durch diese Phase, als es ohne diese Routinen vermutlich der Fall wäre.
Und trotzdem spüre ich die Anspannung.
Ich funktioniere. Ich erledige, was zu erledigen ist. Ich bleibe handlungsfähig. Gleichzeitig merke ich, dass sich der Stress der vergangenen Wochen in meinem Körper gesammelt hat. In den Muskeln, in der inneren Wachsamkeit, in dem Gefühl, mich immer wieder zusammennehmen zu müssen.
Manchmal kommt man gut durch den Alltag und trägt den Stress trotzdem in den Knochen.
Die Breathwork-Session wurde für mich zu einer Gelegenheit, diese Festigkeit für eine Weile weich werden zu lassen.
Getragen von vertrauten Menschen
Ich war gemeinsam mit meinem Mann und einem lieben Freund bei der Veranstaltung. Während der Session lag ich zwischen den beiden.
Diese Konstellation war für meine Erfahrung wichtiger, als ich vorher erwartet hatte.
Ich musste nichts mit ihnen besprechen. Sie mussten nichts für mich tun. Allein das Wissen, dass sie da waren, gab mir Ruhe. Ich konnte ihre Anwesenheit wahrnehmen und spüren, dass ich in dieser Erfahrung nicht alleine war.
Breathwork findet im eigenen Körper statt. Gleichzeitig beeinflusst das Umfeld, wie weit wir uns auf einen inneren Prozess einlassen können. Fühlt sich die Situation sicher an, muss ein Teil unserer Aufmerksamkeit nicht ständig die Umgebung überprüfen. Wir können tiefer sinken, mehr wahrnehmen und eher zulassen, was sich im Inneren bewegt.
Manchmal bedeutet das richtige Umfeld auch, dass man gerade nicht neben vertrauten Menschen liegt um besser bei sich bleiben zu können, wenn die anderen Reaktionen zeigen oder damit man sich selbst nicht zurückhält um niemanden zu verunsichern.
An diesem Tag war die Nähe dieser beiden vertrauten Menschen eine wichtige Grundlage für meine Reise. Sie gab mir Halt, ohne mich einzuengen. Ich konnte mich fallen lassen und wusste gleichzeitig, dass jemand da war.
Wenn die Anspannung sichtbar wird
Vor der eigentlichen Breathwork-Session begannen wir mit verschiedenen körperlichen und atmungsbezogenen Übungen zur Aktivierung und Vorbereitung auf die intensivere Atemphase.
Schon während dieser ersten Übungen bemerkte ich, dass heute etwas sehr dicht unter der Oberfläche lag und ich emotional sehr durchlässig war. In der anschließenden Phase des Nachspürens kamen mir die Tränen.
Es gab keinen konkreten Gedanken, der sie ausgelöst hatte. Keine bestimmte Erinnerung und keine Geschichte, die ich mir in diesem Moment erzählte. Ich spürte einfach, wie viel Kraft ich momentan dafür aufbringe, meine Aufgaben zu bewältigen.
Wie oft ich mich sammle.
Wie häufig ich mich konzentriere, obwohl ich eigentlich müde bin.
Wie viel innere Stabilität ich aufrechterhalte, damit ich die Dinge tun kann, die gerade getan werden müssen.
Im Alltag ist diese Festigkeit hilfreich. Sie sorgt dafür, dass ich handlungsfähig bleibe. Doch in diesem Moment wurde mir bewusst, wie anstrengend es ist, sie über längere Zeit aufrechtzuerhalten.
Jetzt musste ich nichts organisieren und keine Entscheidung treffen. Ich musste niemandem etwas erklären und nichts zusammenhalten.
Ich durfte weich werden.
Das Weinen fühlte sich weder dramatisch noch überwältigend an. Es war eine körperliche Antwort auf die Erlaubnis, für einen Moment keine Leistung bringen zu müssen. Ein erstes Lösen von etwas, das ich über Wochen festgehalten hatte.
Nach ein paar Tränen und einer kurzen Pause begann die eigentliche Breathwork-Session.
Der Moment, in dem der Atem übernimmt
Die Atemreise bestand aus mehreren Runden. Auf eine Phase mit aktivierender Atmung folgte jeweils eine Phase des Nachspürens. Diese Arbeitsweise nutze ich auch gerne in meinen eigenen Sessions im → Breathwork Circle in Xanten. Die aktiven Phasen bringen Bewegung in das System. In den Pausen zeigt sich häufig, was dadurch spürbar geworden ist.
Einen großen Teil der Session atmeten wir durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Im Vergleich zu einer vollständig verbundenen Mundatmung kann diese Technik zunächst weniger intensiv wirken.
Meine Erfahrung war an diesem Tag eine andere.
Ich kam bereits in den ersten Runden sehr tief in den Prozess. Durch meine Breathwork-Erfahrung der vergangenen Jahre findet mein Körper inzwischen schnell in veränderte Bewusstseinszustände. Der Übergang fühlt sich vertrauter an. Ich muss weniger kontrollieren und kann dem Atem früher erlauben, seinen eigenen Rhythmus zu finden.
Zu Beginn braucht die Atmung meist noch bewusste Kraft. Ich entscheide mich für jeden Atemzug und halte den Rhythmus aktiv aufrecht. Dann kommt ein Punkt, an dem sich etwas verändert.
Der Atem beginnt zu fließen.
Er fühlt sich weniger nach Technik an. Die Anstrengung tritt in den Hintergrund. Der Körper übernimmt einen Teil der Bewegung und der Kopf wird ruhiger.
Mit jedem Atemzug entstand mehr Weite in mir. Meine Aufmerksamkeit löste sich von den Gedanken an meinen Alltag. Mein inneres Erleben wurde größer, offener und gleichzeitig klarer.
Innerhalb dieser Weite begegnete mir ein sehr verletzlicher Anteil.
Der Anteil, der sich zurückgelassen fühlt
Dieser Anteil fühlte sich an wie ein Kind, das zurückgelassen wurde.
Mit einem inneren Kind meine ich dabei keinen klar abgegrenzten Teil meiner Persönlichkeit und auch keine konkrete Erinnerung an eine bestimmte Situation. Ich meine einen emotionalen Zustand, der früh entstanden sein kann und sich bis heute in bestimmten Momenten bemerkbar macht.
Das Gefühl war sehr deutlich:
Ich bin alleine.
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Ich kann mir selbst nicht helfen.
Für ein Kind ist dieses Erleben existenziell. Ein Kind ist darauf angewiesen, dass andere Menschen da sind. Es kann sich noch nicht vollständig selbst versorgen, schützen oder beruhigen. Das Gefühl, verlassen oder vergessen worden zu sein, geht deshalb weit über gewöhnliche Einsamkeit hinaus. Es berührt die grundlegende Angst, ohne Unterstützung nicht zurechtzukommen.
Ich habe keine konkrete Kindheitserinnerung, die ich diesem Empfinden eindeutig zuordnen könnte. Ich erinnere mich an keine große Situation, in der ich tatsächlich zurückgelassen wurde.
Doch nicht jede prägende Erfahrung bleibt später als klare Geschichte im Gedächtnis. Manchmal sind es kleine Momente, wiederkehrende Situationen oder Erfahrungen, die aus der Perspektive eines Kindes bedrohlicher waren, als sie für einen Erwachsenen erscheinen würden. Die Einzelheiten geraten in Vergessenheit. Das damit verbundene Gefühl kann trotzdem in bestimmten Situationen wieder auftauchen.
Während der ersten beiden Atemrunden war diese Verlassenheit sehr präsent.
Ich versuchte nicht, sie zu analysieren. Ich suchte nicht nach einer passenden Erinnerung und wollte das Gefühl auch nicht möglichst schnell loswerden. Ich ließ den Anteil da sein und spürte, wie groß seine Hilflosigkeit war.
Für einen Moment musste nichts daran verändert werden.
Der verletzte Teil durfte sichtbar werden.
Als aus der Verletzung Wut wurde
In einer der folgenden Runden veränderte sich die Dynamik.
Neben dem verletzlichen Kind trat ein weiterer Anteil stärker in den Vordergrund: ein kämpferischer, männlicher Anteil, den ich in mir sehr deutlich wahrnehmen kann.
Dieser Anteil brachte Wut mit.
Wut darüber, dass das Kind alleine gelassen worden war. Wut darüber, dass man es sich hilflos und schutzlos fühlen lassen hatte. Die Wut richtete sich nicht gegen das Kind. Sie stellte sich an seine Seite.
Innerlich entstand ein klarer Satz:
Ich kämpfe jetzt für dieses Kind – für diesen Anteil von mir.
Die Wut war keine abstrakte Emotion. Sie war in meinem ganzen Körper spürbar.
Meine Muskeln spannten sich an. Aus dem Bauch heraus baute sich ein starker Druck auf. Er bewegte sich wie eine Welle durch meinen Körper und verlangte nach Ausdruck. Ich schlug mit den Händen auf den Boden. Ich schrie. Ich ließ die Energie durch meinen Körper fließen und gab ihr die Möglichkeit, sich zu entladen.
In diesem Moment erlebte ich die Wut nicht als etwas Zerstörerisches. Sie hatte eine klare Aufgabe.
Sie schützte.
Sie setzte eine Grenze.
Sie machte deutlich: Dieser verletzte Anteil wird nicht noch einmal alleine gelassen.
Das Kind in mir war weiterhin da. Seine Verletzung war nicht plötzlich verschwunden. Doch die innere Situation hatte sich verändert.
Es stand nicht mehr alleine da.
Da war jetzt eine Kraft, die sich vor das Kind stellte. Eine Kraft, die bereit war, für es einzustehen.
Wir bestehen aus mehr als unserer Verletzung
Diese Erfahrung hat mir erneut gezeigt, wie wichtig es ist, unterschiedliche innere Anteile wahrzunehmen.
In uns kann es einen Teil geben, der Angst hat. Einen Teil, der sich verlassen fühlt. Einen Teil, der früh gelernt hat, sich anzupassen, zu kämpfen oder sich zurückzuziehen.
Doch das ist nie die ganze Geschichte.
In uns gibt es auch Anteile, die schützen. Anteile, die Grenzen setzen, Verantwortung übernehmen und handlungsfähig bleiben. Es gibt Kräfte, die mit den Jahren gewachsen sind und heute Möglichkeiten haben, die uns als Kind noch nicht zur Verfügung standen.
Wenn wir vollständig mit einer alten Verletzung identifiziert sind, erleben wir uns schnell als hilflos. Dann sehen wir die Situation ausschließlich durch die Augen des Kindes, das alleine dasteht und nicht weiß, wie es weitergehen soll.
Sobald wir auch unsere anderen Seiten wahrnehmen, verändert sich das innere Bild.
Die Verletzung bleibt Teil unserer Geschichte. Sie darf da sein und ernst genommen werden. Gleichzeitig ist sie nicht unsere gesamte Identität.
Neben ihr stehen unsere Fähigkeiten, unsere Erfahrungen und unsere heutigen Handlungsmöglichkeiten.
Für mich lag darin die zentrale Bewegung dieser Breathwork-Reise: Ich spürte den Anteil, der sich zurückgelassen fühlt. Und ich erlebte gleichzeitig die Kraft, die bereit ist, ihn zu beschützen.
Beides gehört zu mir.
Die Verletzlichkeit und die Wut.
Das Kind und der Erwachsene.
Der Teil, der Unterstützung braucht, und der Teil, der heute Unterstützung geben kann.
Wenn die Vergangenheit in der Gegenwart auftaucht
Innere Verletzungen müssen nicht vollständig verschwinden, damit wir ein freies und selbstbestimmtes Leben führen können.
Entscheidend ist, dass wir erkennen, wann eine aktuelle Situation etwas Altes in uns berührt.
Vielleicht reagiert ein Mensch nicht so, wie wir es uns wünschen. Jemand zieht sich zurück. Eine Nachricht bleibt unbeantwortet. Ein Plan verändert sich oder eine wichtige Bezugsperson ist plötzlich weniger verfügbar.
Wir fühlen uns alleine, abgelehnt oder vergessen.
Das Gefühl ist in diesem Moment real. Seine Intensität gehört jedoch möglicherweise nicht vollständig zur aktuellen Situation. Etwas, das heute geschieht, hat eine ältere Erfahrung berührt.
Wenn wir diesen Unterschied nicht erkennen, reagieren wir auf das gegenwärtige Ereignis mit der ganzen Kraft der damaligen Verletzung. Wir kämpfen, klammern, ziehen uns zurück oder verlieren innerlich den Boden unter den Füßen.
Dann erleben wir die Gegenwart durch die Augen eines Anteils, der sich noch immer hilflos fühlt.
Bewusstheit schafft einen kleinen, entscheidenden Abstand.
Ich kann wahrnehmen:
Da ist gerade ein sehr starkes Gefühl.
Die aktuelle Situation hat dieses Gefühl ausgelöst.
Ein Teil davon gehört zu meiner Vergangenheit.
Heute bin ich erwachsen.
Heute habe ich Möglichkeiten.
Heute kann ich für mich sorgen.
Diese Unterscheidung wertet das Gefühl nicht ab. Sie hilft uns, es einzuordnen und ihm einen angemessenen Platz zu geben.
Ich kann ernst nehmen, was in mir geschieht, ohne jede innere Reaktion automatisch für eine vollständige Beschreibung der heutigen Situation zu halten.
Breathwork als direkte Erfahrung
Vieles davon lässt sich mit dem Verstand verstehen.
Wir können unsere Muster analysieren, über Bindung sprechen und nachvollziehen, warum bestimmte Situationen starke Reaktionen in uns auslösen. Dieses Verständnis ist wertvoll. Es hilft uns, Zusammenhänge zu erkennen und bewusster mit uns umzugehen.
In einer intensiven Breathwork-Session wird dieses Wissen jedoch unmittelbar körperlich erfahrbar.
Ich habe nicht nur darüber nachgedacht, dass ein verletzlicher Anteil in mir existiert. Ich habe seine Angst und seine Hilflosigkeit gespürt.
Ich habe nicht nur verstanden, dass Wut eine schützende Funktion haben kann. Ich habe erlebt, wie diese Wut in meinem Körper entstand, sich bewegte und dem verletzten Anteil zur Seite trat.
Und ich habe nicht nur gewusst, dass ich heute für mich sorgen kann. Ich habe körperlich erfahren, dass in mir eine Kraft existiert, die mich halten und schützen kann.
Diese direkte Erfahrung erreicht eine andere Ebene als eine rein gedankliche Erkenntnis.
Der Körper erlebt eine neue Möglichkeit.
Das verletzte Kind bleibt nicht alleine. Der erwachsene Teil ist anwesend. Die schützende Kraft darf handeln. Und das Nervensystem kann erfahren, dass auf ein starkes Gefühl wieder Ruhe folgen kann.
Am Ende war da Frieden
Nach mehreren intensiven Atemrunden wurde es still.
Die Wut hatte sich bewegt. Der Druck hatte einen Ausdruck gefunden. Das verletzte Kind war gesehen worden und der schützende Anteil hatte seinen Platz eingenommen.
Zurück blieb ein tiefer Frieden.
Es war kein euphorischer Zustand und keine spektakuläre Erkenntnis, die ich unbedingt in Worte fassen musste. Es war ein ruhiges, sehr klares körperliches Gefühl:
Es ist alles gut.
Ich bin versorgt.
Ich kann mich selbst halten.
Ich kann mich regulieren.
Die Aufgaben meines Alltags waren dadurch nicht verschwunden. Die Dinge, die erledigt werden müssen, warteten weiterhin auf mich.
Doch mein innerer Zustand hatte sich verändert.
Die Festigkeit, die ich über Wochen aufrechterhalten hatte, war für einen Moment weich geworden. Darunter fand ich keine Leere und keinen Zusammenbruch.
Ich fand Halt.
Vielleicht liegt darin eine der wertvollsten Erfahrungen, die Breathwork ermöglichen kann: Wir können uns unseren verletzlichen Seiten zuwenden, ohne in ihnen verloren zu gehen.
Wir können fühlen, was früher zu groß war.
Wir können wahrnehmen, welche alten Erfahrungen in der Gegenwart berührt werden.
Und wir können gleichzeitig erleben, wer heute da ist, um uns zu halten.
INFOTERMIN
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