In den letzten Tagen hatte ich in meiner Ausbildung einen Moment, der mich noch länger beschäftigt hat.

In einer Übung sollten wir einfach etwas erzählen. Nichts Besonderes. Keine tiefe Prozessarbeit, keine Analyse, keine „große“ Geschichte. Einfach sprechen, während die anderen zwischendurch beschreiben, was sie wahrnehmen.

Ich habe mich entschieden, etwas Persönlicheres aus meinem letzten Jahr zu erzählen.

Im Verlauf der Übung kam dann Kritik daran, dass ich beim Erzählen von belastenden Erfahrungen gelächelt hätte. Dass meine Ruhe dabei nicht ganz stimmig wirke. Dass ich schwer zu fühlen gewesen sei.

Erst hat mich das ziemlich getroffen. Nicht, weil die Rückmeldung böse gemeint war. Sondern weil mir mal wieder etwas aufgefallen ist, das ich auch aus vielen anderen Situationen kenne:

Viele Menschen verbinden sichtbare Emotionalität automatisch mit Echtheit.

Wenn jemand ruhig bleibt, freundlich wirkt oder sogar lächelt, entsteht schnell der Eindruck:

„Da ist bestimmt noch etwas verborgen.“

Und ich glaube, genau darüber lohnt es sich, genauer nachzudenken.

Nicht jedes Nervensystem fühlt laut

Die Art, wie Menschen Gefühle ausdrücken, hat viel mit ihrer Geschichte zu tun. Manche Menschen haben früh gelernt, Emotionen offen zu zeigen. Andere haben gelernt, sich eher über Funktionalität, Ruhe oder Freundlichkeit zu regulieren.

Manchmal, weil es keinen großen Unterschied gemacht hat, ob man sich als Kind emotional gezeigt hat oder nicht. Manchmal, weil Emotionalität von wichtigen Bezugspersonen abgewertet wurde. Und manchmal einfach, weil das Nervensystem irgendwann gelernt hat: So komme ich sicher durch soziale Situationen.

Manche lächeln, wenn sie nervös oder sogar traurig sind.
Manche werden sachlich.
Manche erzählen sehr ruhig über Dinge, die sie viel Kraft gekostet haben.

Das bedeutet nicht automatisch, dass sie nichts fühlen.

Oft sind das Strategien, die über viele Jahre entstanden sind. Nicht bewusst geplant — sondern entwickelt, weil sie irgendwann geholfen haben, mit Spannungen, Beziehungen oder emotional schwierigen Situationen umzugehen.

Deshalb finde ich wichtig sich bewusst zu machen:
Schutzstrategien sind ebenfalls Teil der Authentizität.

Schutzstrategien erzählen ebenfalls eine Geschichte

Denn oft entsteht schnell die Vorstellung, Authentizität müsse immer roh aussehen. Emotional. Ungefiltert. Sichtbar.

Aber Menschen bestehen nicht nur aus ihren offenen Gefühlen.

Sie bestehen auch aus den Strategien, die sie entwickelt haben, um mit der Welt umzugehen. Und diese Strategien erzählen ebenfalls etwas Echtes über ihre Geschichte.

Wenn jemand lächelt, während er etwas Schwieriges erzählt, interessiert mich deshalb weniger, warum der Schmerz nicht deutlicher zu sehen ist.

Mich interessiert eher:

„Was hat dieses Nervensystem gelernt?“
„Wodurch ist diese Art entstanden?“
„Wann wurde Funktionalität wichtig?“

Das fühlt sich für mich deutlich menschlicher an.

Menschen müssen nicht emotional performen

Gerade in Coaching-, Therapie- oder Selbsterfahrungsräumen entsteht manchmal unbewusst Druck.

Menschen haben das Gefühl, sie müssten Gefühle möglichst sichtbar zeigen, um mit ihrem Thema ernst genommen zu werden:

  • nicht zu kontrolliert wirken,
  • nicht zu sachlich sprechen,
  • nicht „zu ruhig“ sein.

Dabei vergessen wir leicht:
Nicht jeder Mensch verarbeitet Erfahrungen auf dieselbe Weise.

Manche Menschen sind mitten im Schmerz.
Andere haben sich über lange Zeit durch schwierige Phasen gearbeitet und können heute ruhig darüber sprechen.

Nicht weil es unwichtig war.

Sondern weil sie nicht mehr dauerhaft darin festhängen.

Emotionale Verarbeitung sieht manchmal erstaunlich unspektakulär aus.

Warum funktionale Menschen oft unterschätzt werden

Viele Menschen, die nach außen organisiert, ruhig oder reflektiert wirken, werden emotional unterschätzt.

Gerade Menschen, die früh Verantwortung übernommen haben oder gelernt haben, sich selbst zu regulieren, hören oft Sätze wie:

  • „Ich komme nicht richtig an dich ran.“
  • „Du wirkst kontrolliert.“
  • „Ich weiß gar nicht, wie es dir wirklich geht.“

Was dabei leicht übersehen wird:
Diese Menschen fühlen häufig sehr viel. Sie zeigen es nur nicht immer sichtbar.

Nicht jede Emotion möchte sofort nach außen.
Nicht jede Person braucht maximale Nähe zu jedem Menschen.
Und nicht jedes Schutzmuster muss sofort aufgelöst werden.

Manche Strategien haben Menschen überhaupt erst ermöglicht, sicher durch ihr Leben zu kommen.

Meine Haltung in der Arbeit mit Menschen

In meiner Arbeit interessiert mich nicht, ob jemand „überzeugend“ emotional wirkt.

Mich interessiert, wie sich ein Mensch sicher fühlt.
Wie sein Nervensystem gelernt hat, durch die Welt zu gehen.
Welche Strategien einmal sinnvoll waren.
Und ob sie heute noch gebraucht werden.

Gerade trauma-informierte Arbeit bedeutet für mich auch, Ausdruck nicht vorschnell zu bewerten.

Ich glaube nicht, dass Menschen erst dann authentisch sind, wenn sie weinen. Oder laut fühlen. Oder emotional auseinanderfallen.

Manche Menschen öffnen sich langsam.
Manche brauchen erst Sicherheit.
Manche lächeln, wenn sie nervös sind.
Manche bleiben ruhig, obwohl innerlich viel passiert.

All das darf da sein.

Denn echte Begegnung beginnt für mich nicht dort, wo Schutzmechanismen verschwinden.

Sondern dort, wo Menschen sich nicht dafür schämen müssen, wie sie sich zeigen.

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